Eins ist klar: Schwierig zu lesen ist Emily Brontës Sturmhöhe schon. Über zweiunddreißig Jahre erstreckt sich immerhin die Handlung, doch wird sie weder chronologisch noch von einem allwissenden Erzähler wiedergegeben; vielmehr sind es zwei Nebenfiguren des Romans, Nelly Dean und Mr. Lockwood, die uns das Geschehen in immer neuen Rückblenden vermitteln. Wer also beim Lesen nicht scharf Acht gibt, der kann in dem Geflecht aus Briefen, Tagebucheinträgen und Erinnerungen in der Tat schnell vom rechten Wege abkommen.
Aber mag das Buch auch etwas allzu kompliziert aufgebaut sein, mögen die Charaktere sprechen, wie sonst wohl kaum einer spricht, mögen manche Figuren auch blass bleiben – so ist das alles unwichtig in Anbetracht des Sturms aus Donnern und Blitzen, der über das düstere Yorkshire* hinwegfegt und einen derart herrlichen Geruch von Moder und Tod zurücklässt, das wir bald meinen, das Monster des Dr. Frankenstein sei nicht mehr als nur ein Teddybär.
* Sehe sich einer nur das finstere Haworth an, die Heimatstadt der Brontës, wo der Nebel sein gespenstisches Kleid Tag um Tag von den Mooren kommend in die dunklen Gassen trägt, bald nach dem Pfarrhause zieht, zuerst nach den Gräbern schauend, bevor es endlich den einsamen Wanderer wie ein Leichentuch umhüllt. (Anm. d. Hrsg.)
Emily Brontë
(Thornton 30. Juli 1818 – 19. Dezember 1848 Haworth)
Genauso wie ihre Schwestern besuchte Emily Brontë die Schule von Cowan Bridge, bekam dort sogar nie gehörtes Lob, wurde aber vom Vater von der Schule genommen, nachdem ihre älteste Schwester Elizabeth krank entlassen worden war. In der Traumwelt von Angria und Gondal war sie zusammen mit ihrer Schwester Anne für die Gondals zuständig, deren Wohlergehen sie in Gedichten bis an ihr Lebensende verfolgte. 1837 versuchte sie sich als Lehrerin in der Schule von Law Hill. doch hielt sie es nur wenige Monate dort aus. Im Februar 1842 begleitete sie Charlotte nach Brüssel, wo sie fast ein Jahr lang blieb. Nachdem Charlotte ihre Gedichte entdeckt hatte, begann Emilys kurze Karriere als Schriftstellerin: Sie schrieb über hundert Gedichte, bekannt ist sie aber vor allem für ihren einzigen Roman Wuthering Heights geworden. Im Jahr nach der Veröffentlichung erkrankte sie an der Schwindsucht, an deren Folgen sie im Alter von nur dreißig Jahren starb.
Tatsächlich ist der Protagonist mit keiner anderen literarischen Figur zu vergleichen. Er ist der Beelzebub in Person, ein Klotz, Schweinehund und Haderlump, er ist ein Unhold, wie es ihn nicht noch einmal gibt auf dieser Welt. Schwer zu glauben also, dass dieses Buch zu Beginn des Viktorianischen Zeitalters geschrieben worden ist, passt es mit seiner unkonventionellen Mischung aus Leidenschaft, Totenkult und Dämonie doch viel eher in die Moderne.
Die Rezensionen aus jener Zeit waren dementsprechend. Nicht nur, so heißt es in einer amerikanischen Publikation (Graham’s Lady’s Magazine vom Juli 1848), dass das Buch eine Mischung aus vulgärer Verderbtheit und unnatürlichem Schrecken sei, ihm, dem Rezensenten, sei es darüber hinaus auch ein Rätsel, wie ein Mensch so ein Buch schreiben könne, ohne vor dem zwölften Kapitel Selbstmord zu begehen.*
* Freilich erscheint uns diese Rezension gar nicht mal so negativ zu sein. Wer solche Reaktionen bei seinen Lesern hervorrufen kann, der hat wirklich ein ganz bedeutendes Werk hinterlassen. (Anm. d. Hrsg.)
Ähnlich deutliche Worte fand ein anderer unbekannter Kritiker, dem nach der Lektüre zumute war, als wäre er gerade von Aussätzigen zurückgekehrt. Er gab seinen Lesern dann noch den Rat, Jane Eyre zu lesen, Wuthering Heights aber zu verbrennen* (Paterson’s Magazine vom März 1848).
* Gegen die Empfehlung, Jane Eyre zu lesen, ist nun wirklich nichts zu sagen, die Lektüre lohnt sich in jedem Fall. Mahnend den Finger heben müssen wir aber angesichts des Rats, Wuthering Heights zu verbrennen. Nicht alleine deshalb, weil es ein ganz und gar herrlicher Roman ist, sondern vor allem auch darum, weil Bücherverbrennungen schon immer furchtbar gewesen sind. ›Das war ein Vorspiel nur‹, sagt schon Heine, ›dort wo man Bücher verbrennt, verbrannt man auch am Ende Menschen.‹ (Anm. d. Hrsg.)
Nicht alle freilich sehen das Buch so negativ. Ein anonymer Rezensent zumindest ist so fasziniert, dass er seinen Lesern das Buch gleich ans Herz legt; und warum auch nicht, konnte er seinen Lesern doch reinen Gewissens versprechen, dass sie so etwas zuvor noch nie gelesen hätten (Douglas Jerrold’s Weekly Newspaper vom 15. Januar 1848).
Das Buch beginnt mit einem Akt der Barmherzigkeit. Als Mr. Earnshaw in den Elendsvierteln Liverpools ein Findelkind entdeckt, nimmt er es mit auf seinen Hof Wuthering Heights in Yorkshire. Dort wächst Heathcliff zusammen mit Hindley und Catherine auf, den Kindern der Earnshaws. Catherine und Heathcliff sind zwar Seelenverwandte, doch die Wildheit und Leidenschaft der beiden sorgt ständig für Explosionsgefahr.
Das wird besonders in dem Augenblick deutlich, da Catherine über den Tellerrand ihres Gutshofs hinauszublicken beginnt. Auf dem benachbarten Gut Thrusscross Grange wohnt einer, den sie heiraten will. Sie sei zwar nicht dazu gemacht, sagt sie, Edgar Linton zu heiraten, mehr noch würde sie es aber erniedrigen, Heathcliff zu ehelichen. Warum? Wohl weil ihre Seele aus demselben Stoff gemacht sei wie die seinige:
›I’ve no more business to marry Edgar Linton than I have to be in heaven; and if the wicked man in there had not brought Heathcliff so low, I shouldn’t have thought of it. It would degrade me to marry Heathcliff now; so he shall never know how I love him: and that, not because he’s handsome, Nelly, but because he’s more myself than I am. Whatever our souls are made of, his and mine are the same; and Linton’s is as different as a moonbeam from lightning, or frost from fire.‹
Heathcliff, der ihre Worte hört, kehrt ihnen bald darauf den Rücken. Aber er wird wiederkommen – und zwar mit dem festen Vorsatz, beide Familien zu zerstören. Tatsächlich taucht er einige Jahre später wieder auf, Catherine ist inzwischen Edgar Lintons Frau geworden. Nun beginnt sein Rachfeldzug, denn seiner Ansicht nach hat Catherine geradezu teuflisch an ihm, Heathcliff, gehandelt:
›I want you to be aware that I know you have treated me infernally – infernally! Do you hear? And if you flatter yourself that I don’t perceive it, you are a fool; and if you think I can be consoled by sweet words, you are an idiot: and if you fancy I’ll suffer unrevenged, I’ll convince you of the contrary, in a very little while!‹
Anschließend wendet er sich Catherines Bruder Hindley zu, der ihn früher immerzu schikaniert hatte. Heathcliff rächt sich an ihm, indem er ihn, der durch den Tod seiner Frau Frances tief in der Krise steckt, mit Alkohol und Glücksspiel fertigmacht. Ziel der ganzen Aktion ist es, Herr von Wuthering Heights zu werden, was ihm nach Hindleys Tod schließlich auch gelingt.
Zuvor aber hat er bereits die Lintons gedemütigt. Nicht nur, dass er die unbedarfte Isabelle, die Schwester Edgars, ehelicht und sie anschließend auf Wuthering Heights so lange verkommen lässt, bis sie endlich von dort flieht – überdies stürzt er auch noch Catherine in einen Konflikt zwischen Liebe und Treue; es ist jedenfalls so schlimm, dass Catherine halb wahnsinnig wird, ehe sie über ihrem Siebenmonatskind, das sie noch zur Welt bringt, stirbt.
Eine neue Generation wächst heran, doch Heathcliff setzt sein Zerstörungswerk fort. Er zwingt Catherines Tochter Cathy zur Heirat mit seinem kränklichen Sohn Linton, und als Linton kurz nach Edgars Tod stirbt, ist Heathcliff auch Herr über Thrusscross Grange. Wer bleibt jetzt noch übrig, an dem er seine Rache üben kann? Hindleys Sohn Hareton. Heathcliff behandelt ihn grausam und brutal, doch Hareton ist nicht alleine, da ganz allmählich die Liebe von Cathy zu ihm aufkeimt.
Vielleicht trägt diese Liebelei ja dazu bei, dass Heathcliff nicht mehr leben kann oder will. Er stirbt unter mysteriösen Umständen und ist nun endlich wieder mit Catherine vereint. Ob er aber still in seinem Grab ruht? Oder streift er nicht vielmehr in der Nähe umher, bei der Kirche, auf dem Moor oder in diesem und jenem Haus? Dass jedenfalls würden die Leute aus der Gegend wohl auf ihre Bibeln schwören. Auch geht das Gerücht, dass man in regnerischen Nächten zwei Gestalten sehen könne, die aus dem Fenster der Kammer hinausschauten:
But the country folks, if you ask them, would swear on the Bible that he WALKS: there are those who speak to having met him near the church, and on the moor, and even within this house. Idle tales, you’ll say, and so say I. Yet that old man by the kitchen fire affirms he has seen two on ’em looking out of his chamber window on every rainy night since his death
Sind es nur Gespenstergeschichten, oder ist es Wirklichkeit? Wir können es nicht mit Bestimmtheit sagen.


[...] Brontës gleich drei Romane auf einen Schlag herausbrachten**, neben Charlottes Jane Eyre auch die Sturmhöhe (Emily) und Agnes Grey [...]
[...] der Brontës, die, jede für sich, jeweils einen Roman herausbrachten, Jane Eyre (Charlotte), Sturmhöhe (Emilys) und Agnes Grey [...]
[...] Sturmhöhe (Wuthering Heights, 1847) [...]
Ernest Hemingway~ Theres nothing noble in becoming superior to your fellow men. Accurate the aristocracy is becoming superior to your former self.
[...] Emily aber dürfte das alles sicherlich herzlich wenig gekratzt haben, denn wenn es eines gab, was ihr zuwider war, dann war dies das öffentliche Interesse an ihrer Person. Dann aber kam das Brontë-Wunderjahr 1847: Charlottes Jane Eyre wurde genauso veröffentlicht wie Annes Agnes Grey und Emilys Wuthering Heights. [...]