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Buddenbrooks

Thomas Mann: Buddenbrooks. Frankfurt am Main 1987 (Bild: Fischer Verlag)

Hemingway fand das Buch recht gut. Oder zumindest nicht ganz schlecht, wenn wir einen Blick auf die beiden Briefe werfen, die er seinem Kumpel Scott Fitzgerald am 15. Dezember 1925 (Baker, S 129) und Archibald MacLeish (Baker, S. 133) nur fünf Tage später schrieb. Und das will was heißen, denn sonst hat Hemingway* ja wohl keinen anderen Gott neben sich anerkannt und zugelassen.

* Wie viele gute Bücher hat Hemingway eigentlich geschrieben? Von den Romanen kann man guten Gewissens nur einen empfehlen, von den Kurzgeschichten schon sehr viel mehr – die sind ihm besser gelungen. Bei Fitzgerald sieht die Sache ganz ähnlich aus, auch wenn er ohne Frage ein sehr viel besserer Schriftsteller war als Hemingway. Darüber kann es keine zwei Meinungen geben. (Anm. d. Hrsg.

Und schon stellt sich die Frage, ob Samuel Fischer nicht doch Recht hatte? Immerhin wollte er ursprünglich nur einen Teil des Werks veröffentlichen, nicht das komplette Manuskript. Doch da war Thomas Mann vor. Was war geschehen? Nun, nachdem im Mai 1897 bei Fischer der Novellenband Der kleine Herr Friedemann erschienen war, hatte ihm Fischer ans Herz gelegt, ein Prosawerk zu veröffentlichen, einen Roman eventuell, wenn er denn nicht zu lang sei (Jens 11, S. 62).

Tatsächlich machte sich Thomas Mann alsbald ans Werk. Wie wir der ersten Seite der Urhandschrift entnehmen können (Wysling, S. 114), begann er Ende Oktober 1897 in Rom mit der Arbeit, für die er nicht ganz drei Jahre benötigte. Fischer aber wollte den Roman nur gekürzt veröffentlichen, nicht in seiner vollen Länge. Doch Thomas Mann beharrte auf die ungekürzte Veröffentlichung der Buddenbrooks – eine Bitte, der Fischer schließlich nachgab.

Ob das die richtige Entscheidung war, bleibt allerdings fraglich, da der gemeine Leser zunächst einmal vor dem Problem steht, wie er sich wohl durch die ersten Kapitel schleppen kann, ohne gleich darüber einzuschlafen.* Da ist ein Mensch (eine junge Frau, wie sich später herausstellt) und fragt, was das sei (was auch immer das ›das‹ bedeuten mag). Und dann kommt eine zweite Person herbei und redet in einem Idiom (von ›Düwels‹ und ›demoiselles‹), der wohl manch einem Leser rechte Rätsel aufgibt.

Thomas Mann

(Lübeck 6. Juni 1875 – 12. August 1955 Zürich)

Der Sohn eines Lübecker Speditionskaufmanns und späteren Senators übersiedelte nach dem Tod des Vaters und der damit verbundenen Auflösung der familiären Getreidehandlung nach München, wo er Gasthörer an der Technischen Hochschule München wurde. Schon in dieser Zeit veröffentlichte er seine ersten literarischen Arbeiten. Wegen Untauglichkeit im Jahre 1900 nach zwei Monaten aus dem Militärdienst entlassen, konzentrierte er seine Kräfte auf den Roman seiner Familie, der ihn berühmt machen sollte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten blieb er im Ausland und kehrte nicht wieder nach Deutschland zurück. Nach einem langen Aufenthalt in den USA zog er 1952 in die Schweiz, wo er kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag an den Folgen einer Arteriosklerose starb.

Und schon wieder haben wir ein Buch vor uns, das schwach beginnt und umso stärker weitergeht. Ein schlechter Anfang muss halt nicht notwendigerweise ein Todesurteil sein. (Anm. d. Hrsg.)

Über den Inhalt gibt es nicht viel zu sagen, denn ein Blick auf den Untertitel (Verfall einer Familie) genügt, um darüber Bescheid zu wissen. Insgesamt erstreckt sich der Verfall des Lübecker Patriziergeschlechts Buddenbrook über volle zweiundvierzig Jahre, von 1835 bis 1877 – beginnend beim alten Johann Buddenbrook, sich fortsetzend bei dessen Sohn Jean und den Enkelkindern Thomas, Christian, Antonie und Clara, endend schließlich bei Johanns Urenkel Hanno.

Zu den Enkeln so viel: Da ist zum einen einer, der nach Art der Puritaner lebt (Thomas); und da sind noch ein hypochondrischer Hanswurst (Christian), ein naiv-liebenswertes Dummerchen (Antonie), und eine, die nichts Besseres zu tun hat, als kurz nach ihrer Hochzeit das Zeitliche zu segnen (Clara). Und endlich ist da noch der Urenkel, Hanno, der Sohn von Thomas Buddenbrook, ein zerbrechlicher, zarter, kranker Junge*, der begreift, dass nach ihm keiner mehr kommen wird – und deshalb hinter seinem Namen im Familienbuch einen Schlussstrich zieht. Tatsächlich behält er am Ende Recht, mit gerade einmal sechzehn Jahren stirbt er an Typhus.

* Hanno dürfte vor Kraft in etwa so gestrotzt haben wie Gerhardt Habsburg, der freilich erst an seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag das Zeitliche segnet (30 Rock). Er ist also doch sage und schreibe neun Jahre älter geworden als Hanno. Unfassbar. (Anm. d. Hrsg.)

PS: Da sich viele Lübecker in den dargestellten Figuren wiederzuerkennen glaubten, hielt sich die Begeisterung über den Roman in Lübeck erst mal in Grenzen. Besonders erbost zeigte sich Friedrich Mann, ein Onkel Thomas Manns. Trotzdem dauerte es bis zum 28. Oktober 1913, ehe er sich zu einem Inserat in den Lübeckischen Anzeigen veranlasst sah, in welchem er den Verfasser einen traurigen Vogel schimpfte, der die allernächsten Verwandten in den Schmutz gezogen und sein eigenes Nest beschmutzt habe (Wysling, S. 118).

PPS: Die Figuren und ihre realen Vorbilder (Wysling, S. 102ff.):

  • Johann Buddenbrook, der Ältere – Johann Siegmund Mann sen. (1761 bis 1848)
  • Konsul Johann Buddenbrook – Johann Siegmund Mann jun. (1797 bis 1863), Großvater Thomas Manns
  • Konsulin Bethsy Buddenbrook – Elisabeth Mann, geb. Marty (1811 bis 1890), Großmutter Thomas Manns
  • Thomas Buddenbrook – Thomas Johann Heinrich Mann (1840 bis 1891), Thomas Manns Vater
  • Gerda Arnoldsen – Julia Mann, geb. da Silva-Bruhns (1851 bis 1923), Thomas Manns Mutter
  • Christian Buddenbrook – Friedrich Wilhelm Leberecht Mann (1847 bis 1926), ein Onkel Thomas Manns
  • Antonie Buddenbrook – Elisabeth Amalia Hippolyta Haag, gesch. Elfeld, geb. Mann (1838 bis 1917), eine Tante Thomas Manns
  • Clara Tiburtius, geb. Buddenbrook – Olga Sievers, geb. Mann (1845 bis 1886), eine Tante Thomas Manns
  • Sesemi Weichbrodt – Therese Bousset (1801 bis 1895), Pflegemutter von Julia Mann
  • Lebrecht Kröger – Johann Heinrich Marty (1797 bis 1844), Urgroßvater Thomas Manns
  • Madame Kröger – Catharina Elisabeth Marty, geb. Croll (1782 bis 1869), Urgroßmutter Thomas Manns

3 Comments

  1. [...] ja auch schon Goethe gesagt (Faust I. Studierzimmer). Tolstoi (Krieg und Frieden) und Thomas Mann (Buddenbrooks) haben allerdings bewiesen, dass das nicht unbedingt [...]

  2. las artes sagt:

    Wie? ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter die Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im Stillen an einem zehrt und die Selbstachtung wegfrisst, der ist viel schlimmer! Sind wir Buddenbrooks Leute, die nach außen hin “tipptopp” sein wollen, wie ihr hier immer sagt, und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen hinunterwürgen?

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