Trotz – des oder dem?

Mit der deutschen Sprache hat man es nicht immer ganz leicht. Was ist beispielsweise zu tun, wenn wir die Präposition trotz hinschreiben?


Sprache verändert sich. Was vor 100 Jahren richtig war, kann heute verkehrt sein. Manchmal wird es ganz kompliziert. So im Falle der Präposition trotz. Ist anschließend der Genitiv oder den Dativ vorzuziehen?

Beides geht, so viel ist klar. Was aber ist vorzuziehen? Für Karl Kraus war die Sache klar: Trotz werde richtig mit dem Dativ verbunden, antwortete er in einer frühen Ausgabe der Fackel (7/1899, S. 19) einem Leser, der schon damals offenbar nur den Genitiv als richtig empfand. Das hatte seinen Grund, denn der Wechsel vom ursprünglich verwendeten Dativ zum Genitiv war bereits damals fast abgeschlossen.

Nicht alle wollten dies aber wahrhaben. So auch Kraus, der die genitivische Anwendung eine ›ehrwürdige Schlamperei des Sprachgebrauchs‹ nannte. Dennoch waren einige Leserinnen anderer Meinung, Kraus musste jedenfalls in der darauffolgenden Ausgabe (8/1899, S. 24) mit einer neuen Antwort weitere Aufklärungsarbeit leisten:

Sprachgefühl, verstärkt durch die Erwägung, dass es sich hier um eine Ellipse handelt: „Trotz (biete ich) dem ….“ In guten Büchern fast ausschließlich, in der Tagesliteratur nie zu finden.

Inzwischen hat sich der Genitiv durchgesetzt, Karl Kraus zum Trotz.

Spontane Selbstentzündung

In Romanen geht es zu wie im richtigen Leben: Menschen werden geboren, Menschen heiraten, Menschen sterben. Manche Todesarten sind allerdings besonders spektakulär. So hat Charles Dickens einmal auch einen Charakter in Rauch aufgehen lassen.


Charles Dickens hat viele seiner Charaktere sterben lassen. Dora (David Copperfield) beispielsweise, die kleine Nell (Der Raritätenladen), Paul Dombey (Dombey und Sohn) und noch einige andere mehr.

Zu den Toten zählt auch der Lumpenhändler Krook (Bleak House). Im 32. Kapitel kokelt es plötzlich ganz gewaltig (man beachte auch die dazugehörige Illustration von Hablot Knight Browne):

Here is a small burnt patch of flooring; here is the tinder from a little bundle of burnt paper, but not so light as usual, seeming to be steeped in something; and here is—is it the cinder of a small charred and broken log of wood sprinkled with white ashes, or is it coal? Oh, horror, he IS here! And this from which we run away, striking out the light and overturning one another into the street, is all that represents him.

[Ausgabe von 1853: Chapter XXXII, S. 320]

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Blick ins Jahr 1933

Hellseher und Wahrsager waren schon immer sehr beliebt. Auch literarische Blätter haben sich gerne mit dem Übersinnlichen beschäftigt. Ende 1932 hat die Monatsschrift Der Querschnitt einen Blick ins Jahr 1933 gewagt. Was ist aber dabei herausgekommen?


Die in den 20er- und frühen 30er-Jahren sehr bekannte Monatsschrift Der Querschnitt hat sich immer mal wieder gerne auch okkulten Themen gewidmet. An anderer Stelle haben wir schon einmal über eine dort erschienene Abhandlung zur Astrologie berichtet.

Das Dezemberheft 1932 stand nun voll und ganz unter dem Motto: das Übersinnliche. Entsprechend fragwürdig sind die meisten Beiträge, die dort zu finden sind. Aber wer nun unbedingt wissen will, wie man denn zum Yoghi wird (S. 852 ff.) oder was es mit dem Teleplasma (S. 859 ff.) auf sich hat, kann das an entsprechender Stelle nachlesen. So viel Unsinn ist wohl selten zusammengeschrieben worden.

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Rechtschreibung ändert sich

Viele Puristen ärgern sich über eine sich verändernde Sprache. Dabei tun sie meistens so, als hätte sich die Sprache vor ihren Lebzeiten noch nie verändert. Erst jetzt, in der modernen Welt, tritt ihrer Meinung nach ein solcher Wandel deutlich zu Tage.

Freilich haben sich schon früher die Pedanten darüber geärgert. Als Beispiel sei nur Anselm Ruest genannt, der in der ersten Ausgabe der Wochenschrift Die Aktion vom ›Beruf des Litteraten‹ schrieb und in Klammern noch eine Bitte hinzusetzte: ›Drucken Sie zwei t‹ (Nr. 1/1911, Spalte 14).

Und heute? Heute käme wohl kaum jemand auf die Idee, das Wort mit einem Doppel-t zu schreiben.

Schöne Rezensionen

Sprachführer zu rezensieren, ist nicht immer ganz einfach. Anton Kuh hat die Aufgabe allerdings souverän gemeistert.


Die schönsten Rezensionen sind meistens eher kurz. Die schönste kommt mit ganzen zwei Worten aus, auch die zweischönste ist nicht allzu umfangreich. Sehr gefällig ist auch eine Rezension aus der Feder des österreichischen Autors Anton Kuh (1890 bis 1941), der sich im Querschnitt (8/1930, S. 567) mit einem der damals wie heute so beliebten Sprachratgeber auseinandergesetzt hat: 1000 Worte Deutsch. Ein Sprachführer für Nachdenkliche von Franz Leppmann, 1930 im Ullstein Verlag erschienen.

Dass die Besprechung so kurz ausfiel, hatte wohl seinen guten Grund. Ganze neunmal musste sich Kuh korrigieren – und das, obwohl sein Text aus gerade einmal 162 Worten bestand. Aber so ist das mit der deutschen Sprache, Stolperfallen gibt es mehr als genug. Beispiele gefällig?

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Sturmhöhe: Kritiken von 1847

Emily Brontë hat einen Roman geschrieben, der zu den großen Werken der Weltliteratur gehört: Sturmhöhe. Wie haben die zeitgenössischen Rezensenten darauf reagiert?


Die Sturmhöhe von Emily Brontë gehört zu den Klassikern der englischen Literatur. Noch heute, mehr als 160 Jahre nachdem es erstmals erschienen ist, findet es immer wieder neue Leserinnen. Es ist eben ständig präsent: Viele kennen es als Bellas Lieblingsbuch aus dem Twilight-Universum, andere haben einen der zahlreichen Filme gesehen.

Emily Brontë ist mit ihrem Roman also unsterblich geworden. Heute wissen wir das. Doch wie war das damals? Wussten die Rezensionen zeitgenössischen Rezensenten, was für ein Buch sie da vor sich hatten? Nun, die Urteile fielen ganz unterschiedlich aus.

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Heinlein und die Church of All Worlds

In den USA sind religiöse Gemeinden bekanntermaßen in rauen Mengen zu finden. Eine davon ist die Church of All Worlds, deren Mitglieder auf die Wiedergeburt der Erdgöttin Gaia hoffen. Woher aber hatten die Gründer die Idee für diese Glaubensgemeinschaft? Aus einem Buch.

Die Vorlage stammt aus der Feder des amerikanischen Schriftstellers Robert A. Heinlein (1907 bis 1988): Der 1961 erschienene Roman Stranger in a Strange Land handelt von einem auf dem Mars geborenen Menschen, der als junger Mann zur Erde reist, dort eine ihm fremde Kultur kennen lernt und im Lauf der Handlung eine eigene Kirche gründet, die Church of All Worlds.

Der Roman ist auch auf Deutsch erschienen: 1970 brachte der Heyne-Verlag unter dem Titel Ein Mann in einer fremden Welt die erste deutsche Fassung heraus, 1996 veröffentlichte Bastei-Lübbe die erst 1991 auf Englisch erschienene ungekürzte Fassung unter dem Titel Fremder in einer fremden Welt.

Weiße Mäuse im Kino

Der Roman Im Westen nichts Neues wurde 1930 erstmals verfilmt. Die Nazis reagierten prompt.


Remarques Roman Im Westen nichts Neues wurde zweimal verfilmt. In der Verfilmung von 1979, die auch heute noch gerne im Fernsehen gezeigt wird, spielt Katczinsky eine tragende Rolle, vielleicht auch deshalb, weil er von Ernest Borgnine dargestellt wird. In Lewis Milestones oscarprämiertem Film aus dem Jahr 1930, den Produzent Carl Laemmle sowohl als Stumm- wie auch als Tonfilm herausbrachte, wird Katczinsky von Louis Wolheim dargestellt (Lew Ayers spielt Paul Bäumer).

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Im Westen nichts Neues: Zahlen und Daten

Erich Maria Remarque ist mit seinem Antikriegsroman Im Westen nichts Neues ein Welterfolg geglückt. Allerdings ist die Frage nach der Zahl der verkauften Exemplare nicht ganz leicht zu beantworten. Von besonderem Interesse sind deshalb die Angaben, die in einer Ausgabe der Monatsschrift Der Querschnitt zu finden sind (Nr. 8, 1930, vor S. 567).

Dort werden die Zahlen von 23 verschiedenen Ausgaben genannt. Danach wurden in Deutschland bis zu jenem Zeitpunkt ›über 1.000.000 Exemplare‹ gedruckt, in Frankreich immerhin 440.000, in Russland 400.000, in England 360.000, in Nordamerika 325.000 und auch in Spanien lag die Auflage schon in sechsstelliger Höhe (105.000).

Zahlen werden auch für eine Jiddische Ausgabe (6700) und eine in Esperanto (2400) genannt. Die Gesamtauflage des Romans in 28 Sprachen betrug laut dieser Quelle damals ›fast 3 ½ Millionen‹ Exemplare. Da kann kaum ein anderes Buch mithalten.

Hölderlin im Turm

Friedrich Hölderlin verbrachte die letzten Jahre seines Lebens im heute so genannten Hölderlinturm in Tübingen. Ob seine Geisteskrankheit mit seiner unglücklichen Liebe zur Bankiersgattin Susette Gontard zusammenhing?


Friedrich Hölderlin war 32 Jahre alt, als sich erste Anzeichen einer Geisteskrankheit bei ihm bemerkbar machten. Das war 1802. Ob auch eine Liebelei damit zu tun hatte? Eine berechtigte Frage. Denn in den Jahren zuvor hatte er sich in eine Affäre verstrickt, die genauso leidenschaftlich wie unglücklich verlief.

Es war gerade die Zeit, da Hölderlin seinen Roman Hyperion abschloss. Schiller hatte ja schon am 9. März 1795 in einem Brief auch den Verleger Johann Friedrich Cotta auf Hölderlin aufmerksam gemacht: ›Er hat recht viel genialisches und ich hoffe auch noch einigen Einfluß darauf zu haben.‹

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