Noch mal: Astrologie

Astrologie ist Mumpitz. Trotzdem sind viele Menschen von der Macht der Sterne überzeugt. In den frühen 30er-Jahren hat sogar ein Wissenschaftsmagazin mit einem Experiment herauszufinden versucht, ob an der Astrologie etwas dran ist oder nicht.


Astrologie hat auf viele Menschen schon immer eine große Faszination ausgeübt. Warum, ist schwer zu sagen. Vielleicht ja deshalb, weil man sein Unglück ganz einfach auf die Sterne schieben kann. Es mag aber auch andere Gründe geben.

Nun sollte man eigentlich meinen, dass gerade Leserinnen eines Wissenschaftsmagazins all diesem Mumpitz besonders skeptisch gegenüberstehen. Doch weit gefehlt: Zumindest früher ist das nämlich noch ganz anders gewesen.

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Wir Wunderkinder

Ein Buch, das in keiner Bibliothek fehlen sollte, stammt von dem deutschen Schriftsteller Hugo Hartung: Wir Wunderkinder.


Daten zum Buch

  • Autor: Hugo Hartung
  • Titel: Wir Wunderkinder
  • Genre: Roman
  • Verlagsort der Erstausgabe: Düsseldorf
  • Verleger: Droste-Verlag
  • Erscheinungsjahr: 1957

Ein Roman ist in der Regel besser als die später folgende Verfilmung. Das trifft fast in jedem Fall zu, aber eben nicht immer. Ein prägnantes Beispiel dafür ist der Film ›Wir Wunderkinder‹ aus dem Jahre 1958 (mit Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Wera Frydtberg und Robert Graf in den Hauptrollen). Der Film ist in der Tat besser als die literarische Vorlage.

Das soll nun aber nicht heißen, dass sich die Lektüre des Romans nicht lohnen würde. Ganz im Gegenteil. Hugo Hartung hat mit seinem Buch einen echten Nachkriegsklassiker geschaffen. Die Geschichte um den Ich-Erzähler R. und seinen Antipoden Bruno Tiches ist überaus lesenswert. Die beiden gehören dem Jahrgang an, den schon Ernst Glaeser einst in den Mittelpunkt eines Romans gestellt hat: dem Jahrgang 1902. Die beiden Schulkameraden könnten unterschiedlicher kaum sein: Der eine, R., ist ein kunstsinniger Grübler, der andere, Tiches, ist ein nassforscher Haudrauf, der schon als Kind bei jedem Streich mittut.

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Ein kommender Dichter

Unter diesem Titel findet sich im Novemberheft 1932 der Monatsschrift Der Querschnitt (Nr. 11/ 1932) ein Beitrag von Hans-Adalbert Freiherr von Maltzahn zu einem jungen Dichter aus Frankreich: Gui Bernard de la Pierre.

Maltzahn bespricht hier einen Autor, der ›seit Monaten die Blicke der Eingeweihten durch einen vierbändigen Erstlingsroman‹ fessele, der demnächst bald erscheinen werde: Le Relais difficile. Was ist von diesem Schriftsteller wohl zu halten? Maltzahn jedenfalls lobt ihn in den höchsten Tönen und spricht am Ende von de la Pierre als einer der ›kostbarsten dichterischen Hoffnungen‹.

Das klingt verlockend. Kann man sich das Buch vielleicht einmal beschaffen? Ja, wenn das ginge. Es geht aber nicht. Zu finden ist es nirgends, es ist nie veröffentlicht worden

Sturmhöhe: Von Emily Brontë aufbewahrte Kritiken

Emily Brontë hat 1847 einen Roman veröffentlicht, der heute zur Weltliteratur gehört: Wuthering Heights (dt. Sturmhöhe). Das Buch fand schon damals durchaus Beachtung, wie an der Zahl der damals erschienenen Rezensionen zu erkennen ist.

Auch Emily Brontë hat dies gewusst. Zumindest vier Kritiken hat sie nämlich gekannt, das ist gewiss. Vielleicht waren es sogar mehr, nur können wir das heute nicht mehr sagen. Sicher ist nur, dass sie vier Rezensionen in ihrem Schreibpult aufbewahrt hat:

  1. Anonymus, The Examiner, 8. Januar 1848
  2. Anonymus, Douglas Jerrold’s Weekly Newspaper, 15. Januar 1848
  3. Anonymus, Atlas, 22. Januar 1848
  4. Unbekannte Quelle, ca. 1847

Was sie von den Kritiken gehalten hat, ist leider nicht bekannt.

Shaw und die Tänzerin

Um George Bernard Shaw ranken sich viele Anekdoten. Doch die meisten sind wohl nur erfunden.


George Bernard Shaw war zu seiner Zeit ein hochgeachteter Mann. Die ganze Welt kannte ihn, weshalb findige Journalisten ihn gerne zum Protagonisten etwelcher Geschichten machten. Das ist wohl auch der Grund, warum sich so viele Anekdoten um ihn ranken.

Eine dieser hübschen Histörchen, die wir an anderer Stelle bereits erwähnt haben, handelt von einer amerikanischen Tänzerin. Diese soll ihm die Heirat vorgeschlagen haben. Und warum? Weil das aus einer solchen Beziehung resultierende Kind ein Prachtexemplar der menschlichen Spezies abgeben würde: Was könne es sich Besseres wünschen als Shaws Geist und ihren Körper zu besitzen? Shaws Antwort darauf fiel recht simpel aus: Was aber, wenn es ihren Geist und seinen Körper erbe?

Das ist also wieder so eine Geschichte, die zu schön klingt, um wahr zu sein. Ist sie also erfunden? Offensichtlich schon. Denn wie wir der Weltbühne vom 2. November 1960 entnehmen (S. 1406 f.), hatte der Publizist Walther Victor dieses Histörchen schon in dem von ihm mitredigierten Sächsischen Volksblatt unter dem Titel „Das Kind“ veröffentlicht – ohne dass allerdings der Name Shaw darin erwähnt wurde. Ein Jahr danach habe er die Geschichte wieder gelesen, und zwar in der italienischen Zeitung Corriere della Serra – nur dass diesmal der Mann einen prominenten Namen trug: den von Shaw nämlich.

Was also war das Original, was das Plagiat? Victor wandte sich an Shaw selbst, um diese Frage ein für allemal zu klären. Der irische Dramatiker antwortete, dass ihm niemals eine amerikanische Tänzerin die Hochzeit vorgeschlagen habe. Und überhaupt: 99 Prozent aller Anekdoten um ihn seien glatte Lügen, ein halbes Prozent sei halbwahr, der Rest wahr, aber verdreht wiedergegeben.

Schön zu lesen sind die Anekdoten dennoch.

Postskriptum:
Laut Quote Investigator wird eine ähnliche Geschichte erstmals am 7. Dezember 1923 im Boston Globe erwähnt. Als Protagonisten werden dabei der französische Literaturnobelpreisträger Anatole France und die berühmte amerikanische Tänzerin Isadora Duncan genannt. In späteren Erzählungen wird France dann durch Shaw ersetzt.

QI erzählt auch unsere Version der Anekdote, nennt das Datum von Shaws Brief an das Sächsische Volksblatt (3. März 1926) und gibt eine weitere Quelle für dieses Schreiben an: Bernard Shaw Collected Letters: 1926-1950, herausgegeben von Dan H. Laurence. New York: Viking 1988, S. 16 f.

Der Deppen-Apostroph bei Pfemfert

Viele Leute machen sich gerne über den gerne sogenannten DeppenApostroph lustig. Warum, wissen wir nicht. Die, die ihn nutzen, sind jedenfalls keine Deppen. Auch Franz Pfemfert benutzte ihn noch im Jahre 1911 sehr gerne. Schauen wir uns nur einmal ein paar Überschriften der von ihm herausgegeben Wochenschrift Die Aktion an:

Bahr’s „Kinder“

[Nr.5, Spalte 141]

Gurlitt’s Erziehungslehre

[Nr. 15, Sp. 453]

Ein neuer Roman Max Brod’s

[Nr. 19, Sp. 589]

Der philosophische Versuch Herbert Spencer’s

[Nr. 24, Sp. 749]

Auch in der neuen, von Maud von Ossietzky herausgegebenen Weltbühne finden sich nach dem Krieg noch solche Apostrophe wie beispielsweise in dieser Überschrift:

Rudolf Pechel’s „Deutschenspiegel“

[Nr. 9/1946, Seite 277]

Ja, auch das waren alles Deppen.

Trotz – des oder dem?

Mit der deutschen Sprache hat man es nicht immer ganz leicht. Was ist beispielsweise zu tun, wenn wir die Präposition trotz hinschreiben?


Sprache verändert sich. Was vor 100 Jahren richtig war, kann heute verkehrt sein. Manchmal wird es ganz kompliziert. So im Falle der Präposition trotz. Ist anschließend der Genitiv oder den Dativ vorzuziehen?

Beides geht, so viel ist klar. Was aber ist vorzuziehen? Für Karl Kraus war die Sache klar: Trotz werde richtig mit dem Dativ verbunden, antwortete er in einer frühen Ausgabe der Fackel (7/1899, S. 19) einem Leser, der schon damals offenbar nur den Genitiv als richtig empfand. Das hatte seinen Grund, denn der Wechsel vom ursprünglich verwendeten Dativ zum Genitiv war bereits damals fast abgeschlossen.

Nicht alle wollten dies aber wahrhaben. So auch Kraus, der die genitivische Anwendung eine ›ehrwürdige Schlamperei des Sprachgebrauchs‹ nannte. Dennoch waren einige Leserinnen anderer Meinung, Kraus musste jedenfalls in der darauffolgenden Ausgabe (8/1899, S. 24) mit einer neuen Antwort weitere Aufklärungsarbeit leisten:

Sprachgefühl, verstärkt durch die Erwägung, dass es sich hier um eine Ellipse handelt: „Trotz (biete ich) dem ….“ In guten Büchern fast ausschließlich, in der Tagesliteratur nie zu finden.

Inzwischen hat sich der Genitiv durchgesetzt, Karl Kraus zum Trotz.

Spontane Selbstentzündung

In Romanen geht es zu wie im richtigen Leben: Menschen werden geboren, Menschen heiraten, Menschen sterben. Manche Todesarten sind allerdings besonders spektakulär. So hat Charles Dickens einmal auch einen Charakter in Rauch aufgehen lassen.


Charles Dickens hat viele seiner Charaktere sterben lassen. Dora (David Copperfield) beispielsweise, die kleine Nell (Der Raritätenladen), Paul Dombey (Dombey und Sohn) und noch einige andere mehr.

Zu den Toten zählt auch der Lumpenhändler Krook (Bleak House). Im 32. Kapitel kokelt es plötzlich ganz gewaltig (man beachte auch die dazugehörige Illustration von Hablot Knight Browne):

Here is a small burnt patch of flooring; here is the tinder from a little bundle of burnt paper, but not so light as usual, seeming to be steeped in something; and here is—is it the cinder of a small charred and broken log of wood sprinkled with white ashes, or is it coal? Oh, horror, he IS here! And this from which we run away, striking out the light and overturning one another into the street, is all that represents him.

[Ausgabe von 1853: Chapter XXXII, S. 320]

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Das generische Maskulinum

Wie schon an anderer Stelle vermerkt, verwendet jedes Haus seine eigenen Schreibweisen. Nun betrifft das auch einen Punkt, den wir damals unerwähnt gelassen haben: das generische Maskulinum. Das wird fast immer und überall gerne benutzt, nicht so aber bei uns.

Ja, sonst geht es immer andersrum: Dichter statt Dichterinnen, Lektoren statt Lektorinnen, Verleger statt Verlegerinnen. Nun fragen wir aber: Können wir anstelle des generischen Maskulinums nicht auch das generische Femininum verwenden?

Wir kennen den Einwand: Auch dies sei wieder ungerecht, statt der Frauen würden nun die Männer ungleich behandelt. Wirklich? Alle Leserinnen, die sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen, werden schnell erkennen, dass dieses Argument wohl kaum zutrifft.